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Ethnographische Modelle

Unter der Bezeichnung „Ethnographische Modelle“ werden in dieser Datenbank Objekte zusammengefasst, die in Provenienz, Machart und Funktion äußerst disparat sind. Die Namensgebung der Kategorie lehnt sich weniger an die sozialwissenschaftliche Methode der Feldforschung an, sondern erinnert vielmehr an die Tradition der Ethnographica, also an Objekte, die in Wunderkammern, auf Kolonialausstellungen oder in ethnologischen Museen Brauchtum und Entwicklungsstufen ‚fremder’ Kulturen veranschaulichen sollten. Im Gegensatz zu gesammelten oder geraubten Werkzeugen und Kultgegenständen handelt es sich im Fall der Ethnographischen Modelle um hauptsächlich figürliche Repräsentationen, die teils aus Übersee importiert, teils von europäischen Firmen oder Museumsleuten hergestellt wurden. Einige der neueren Modelle beziehen sich dabei aus der Perspektive der Herstellenden nicht auf ‚fremde’, sondern auf westeuropäische Gesellschaften.

Was die hier versammelten Objekte eint, ist das ihnen zugrunde liegende Bestreben, kulturelle Praxis materiell festzuhalten: Dies teilt – zumindest im Sinne der Erschließung – die Miniatur einer shintoistischen Hausweihe mit dem Modell einer westeuropäischen Alltagsszene zum Umgang mit Pharmazeutika oder mit den ethnologischen Schaupuppen des frühen 20. Jahrhunderts, die neben kultureller Praxis auch anthropologisch-rassenkundliche Vorstellungen abbildeten. Alle diese Modelle dienen weniger einem genuin wissenschaftlichen Zweck als vielmehr einer statischen Repräsentation der eigenen oder fremden Kultur, vornehmlich zu Ausstellungszwecken.

Die ethnologischen Schaupuppen aus kolonialer Zeit verraten dabei gewiss mehr über die Vorstellungswelten ihrer Hersteller und Käufer als über die dargestellten ‚Fremden’. Figuren wie jene des Adelhausermuseums in Freiburg im Breisgau, das auch die Ethnographische Sammlung der dortigen Universität präsentierte, dienten ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts zum Ausstellen der ‚Völker ohne Geschichte’ für ein von ihrer Exotik angezogenen Publikum, das sich durch die Betrachtung der Puppen auch der Überlegenheit der eigenen zivilisatorischen Entwicklungsstufe zu vergewissern meinte. Aufgestellt wurden die Figuren meist in Dioramen oder aber in Themenräumen, in denen der Besucher des Museums den jeweiligen fremden Kulturkreis inklusive angedeuteter Flora, Fauna und baulicher Umgebung gewissermaßen räumlich durchschreiten und sich selbst in die Position des Erkundenden begeben konnte (Gerhards 2003). Die Puppen führten dabei neben der Tradition der älteren Ethnographica, mit denen sie meist im Verbund ausgestellt wurden, eine weitere Praxis der Fremddarstellung fort: jene der Völkerschauen, in denen reale Menschen aus den Kolonien einem europäischen Publikum durch die erzwungene Inszenierung ihrer eigenen Herkunft zur exotischen Unterhaltung gedient hatten.

Während die Gipsfiguren meist von kommerziellen Herstellern wie der Hamburger Firma Umlauff oder dem Berliner Bildhauer Friedrich Meinecke produziert wurden, waren in ihre Gestaltung zuweilen auch Wissenschaftler involviert. Davon zeugt die Modellgruppe einer Weddafamilie, deren Herstellung der Naturforscher und Völkerkundler Fritz Sarasin beratend begleitete. Sarasin hatte zuvor auf Sri Lanka über die Wedda geforscht und Fotografien aufgenommen, die dem Modelleur Meinecke als Vorlage dienten. Das für die koloniale Wissenschaft zunehmend bedeutsame Medium der Fotografie hatte damit auch die Anfertigung von Menschenpuppen begünstigt. Doch auch in den Herkunftsländern der Porträtierten gab es Fabrikanten und Händler, die mitunter vom europäischen Begehren nach Figuren des Anderen profitierten. Dazu gehörte der Iki-ningyo-("Lebensechte Puppen")-Künstler Yasumoto Kamehachi, der in Japan die Figurine einer tanzenden Geisha hergestellt hatte, die vom Freiburger Museum 1908 erworben wurde. Auch Objekte der Religionskundlichen Sammlung in Marburg, wie die 1932 erworbene Inszenierung des japanischen Puppenfests, stammen aus Japan.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden insbesondere die in Deutschland hergestellten Schaupuppen aufgrund ihrer kolonialen und bisweilen rassenkundlichen Entstehungskontexte aus vielen ethnologischen Museen entfernt – in Freiburg lagern sie seither auf einem Dachboden. Nur vereinzelt, wie im Museum für Völkerkunde der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, wurden seitdem noch solche Figurinen hergestellt.

Das Diorama einer Alltagsszene, das den medizinischen Gebrauch von Pilzen durch den Menschen symbolisiert oder das eines gedeckten Frühstückstisches, haben mit den Schaupuppen historisch gesehen sicher wenig gemein. Dennoch bieten auch sie ethnologische Perspektiven auf Ausschnitte von – in diesem Fall europäischer – Kultur, die ihre Zuordnung zu dieser Modellart begründet. Gleiches gilt für die Reliefmodelle im Botanischen Museum Berlin-Dahlem, die Szenen altägyptischer Alltagskultur darstellen.

MN


Literatur

Brüll, Margarete:
Kolonialzeitliche Sammlungen aus dem Pazifik
in: Als Freiburg die Welt entdeckte. 100 Jahre Museum für Völkerkunde. Hrsg. von Stadt Freiburg, Freiburg (Promo-Verlag) 1995, S. 109-145

Gerhards, Eva:
Zerstückelte Wilde. Ethnographische Schaupuppen und Inszenierungen des Freiburger Museums für Natur- und Völkerkunde
in: Wilde Denker. Unordnung und Erkenntnis auf dem Tellerrand der Ethnologie. Festschrift für Mark Münzel zum 60. Geburtstag. Hrsg. von Schmidt, Bettina E., Curupira, Band 14, Marburg (Förderverein „Völkerkunde in Marburg" e.V.) 2003, S. 313-338


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